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Wettbewerbsfähigkeit von Leguminosen steigern Ergebnisse des Plenumsworkshops vom 10.04.2025

Anforderungskatalog zur These 4 des Positionspapiers des FONEI „Wettbewerbsfähigkeit von Leguminosen steigern“


Leguminosen stehen im Zentrum einer nachhaltigen Transformation der Landwirtschaft hin zu mehr Resilienz. Als einzige Kulturpflanzen können sie durch ihre Symbiose mit Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft fixieren und damit zur Reduzierung des Mineraldüngerbedarfs und der Treibhausgasemissionen beitragen. Mehrjährige Leguminosen(grasgemenge) fördern den Humusaufbau und damit die Kohlenstoffbindung. Gleichzeitig fördern Leguminosen die Biodiversität, verbessern die Bodengesundheit und durchbrechen als Blattfrüchte einseitige Fruchtfolgen. Trotz dieser ökologischen Vorteile und ihres hohen Gehalts an wertvollen Proteinen bietet der Leguminosenanbau in Deutschland noch großes ungenutztes Potenzial.

Die Zahlen des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft (BZL) und der BMEL-Statistik verdeutlichen dies: Obwohl die Anbaufläche von Leguminosen (Körnerleguminosen und Leguminosen zur Ganzpflanzenernte) mittlerweile 5,8 Prozent der Ackerfläche1 beträgt, lag der Selbstversorgungsgrad mit Hülsenfrüchten im Wirtschaftsjahr 2023/2024 lediglich bei 62 Prozent. Die verwendbare Erzeugung hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht, dennoch standen 2023/24 aus heimischer Erzeugung nur rund 670.900 Tonnen Hülsenfrüchte zur Verfügung2. Diese Daten zeigen, dass Deutschland trotz steigender Produktion weiterhin stark auf Importe angewiesen ist, was die Notwendigkeit einer gezielten Förderung heimischer Leguminosen unterstreicht. Zudem steht die hohe Importabhängigkeit insbesondere aus Südamerika mit dem Risiko von Entwaldung und Umwandlung natürlicher Ökosysteme in Zusammenhang und führt zu längeren Transportwegen und höheren CO2-Emissionen. Der heimische Anbau von Leguminosen stärkt somit regionale Wertschöpfungsketten.

Die Gründe für diese Diskrepanz sind vielschichtig und laufen auf ein erhöhtes Anbaurisiko hinaus: schwankende Erträge, züchterisch noch nicht ausgeschöpfte Potentiale, begrenzte Vermarktungsstrukturen, mangelnde Preisstabilität und ein komplexes Geflecht aus ökonomischen, agronomischen und strukturellen Hemmnissen. Hinzu kommt, dass die monetäre Bewertung der positiven Fruchtfolgeleistungen von Leguminosen noch nicht ausreichend in den Betriebskalkulationen abgebildet wird. Um das volle Potenzial heimischer Leguminosen zu erschließen, bedarf es koordinierter Anstrengungen aller Akteure der Wertschöpfungskette.

Der vorliegende Anforderungskatalog wurde von Expertinnen und Experten aus Landwirtschaft, Forschung, Beratung, Umwelt- und Verbraucherschutz, Verarbeitung und Vermarktung im Rahmen des FONEI erarbeitet und priorisiert die wichtigsten Handlungsfelder für eine erfolgreiche nachhaltige Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit von Leguminosen. Es handelt sich dabei um Impulse, die von verschiedenen Stakeholdern des FONEI eingebracht wurden und als Grundlage für weitere Diskussionen dienen sollen.

1) Aktiver Aufbau regionaler Erfassungs-, Vermarktungs- und Anbaustrukturen

Der Aufbau funktionsfähiger regionaler Strukturen stellt die zentrale Herausforderung für die Leguminosen-Wertschöpfungskette dar. Dabei besteht ein klassisches Henne-Ei-Problem: Ohne ausreichende Mengen ist die Vermarktung schwierig, aber ohne gesicherte Absatzkanäle zögern Landwirte beim Anbau. Die Lösung liegt in der systematischen Verknüpfung von Human- und Futtermittelbereich, wobei der höherwertige Humanernährungsmarkt als Treiber fungieren kann ("Pull-Effekt"). Erzeugergemeinschaften können durch Bündelung der Mengen die Verhandlungsposition stärken, während Preistransparenz und faire Anbauverträge das notwendige Vertrauen schaffen.

2a) Den verfügbaren "Werkzeugkasten" beim Anbau möglichst groß erhalten

Für einen erfolgreichen Leguminosenanbau benötigen Landwirte Zugang zu modernen Anbaumethoden und Produktionsmitteln. Dazu gehören ertragssichere und klimaangepasste Sorten, präzise Einzelkornsaat-Technologie sowie geeignete Pflanzenschutzmittel-Zulassungen. Die Vielfalt der verfügbaren Werkzeuge ist entscheidend für die Risikoreduzierung und Ertragsstabilität im Leguminosenanbau.

2b) Emissionsbepreisung von Importware zur Stärkung der heimischen Produktion

Heimische Leguminosen stehen in direkter Konkurrenz zu importierten Produkten, die oft unter anderen Umwelt- und Sozialstandards produziert werden. Eine Emissionsbepreisung von Importware könnte die Wettbewerbsnachteile heimischer Produkte ausgleichen und die wahren Kosten der Produktion transparent machen. Dies würde zu einer faireren Bewertung der Klimabilanz und einer Stärkung der regionalen Wertschöpfung beitragen.

2c) Monetäre Bewertung von Fruchtfolgen muss vereinfacht werden

Die ökonomische Bewertung des Leguminosenanbaus in Fruchtfolgen ist komplex und oft unzureichend erfasst. Standardisierte Datenbanken wie die des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V. (KTBL) oder der Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) müssen um spezifische Leguminosen-Daten erweitert werden. Eine verbesserte Datengrundlage würde es Landwirten ermöglichen, die Vorfruchtwirkungen und den Gesamtbeitrag von Leguminosen zur Fruchtfolge besser zu kalkulieren und zu bewerten.

3) Vergütung für Klima- & Biodiversitätsschutz

Leguminosen erbringen wichtige Ökosystemleistungen, die bisher nicht angemessen honoriert werden. Ein Prämiensystem durch Lebensmitteleinzelhandel und Großkunden könnte diese Leistungen monetär bewerten und Anreize für den Anbau schaffen. Dabei sollte erneut die Dualität von Human- und Futtermittelbereich genutzt werden, um über den höherwertigen Humanernährungsmarkt auch den Futtermittelbereich zu stärken.

4) Züchtung neuer Sorten

Die Sortenzüchtung muss über reine Ertragssteigerung hinausgehen und sich an den vielfältigen Anforderungen des Marktes orientieren. Neben Ertragsstabilität sind Standortanpassung, spezifische Verwertungseigenschaften und die Eignung für innovative Anbauformen (z.B. Mischanbau) wichtige Züchtungsziele. Eine zielgerichtete Züchtung kann maßgeblich zur Risikoreduzierung und Marktakzeptanz beitragen.

5a) Anforderungen an Produktionsstandards

Gleiche Standards für alle Marktteilnehmer sind essentiell für fairen Wettbewerb. Importierte Leguminosen sollten den gleichen Produktionsstandards unterliegen wie heimische Ware. Dies betrifft insbesondere den Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen, wie bei Soja, aber auch Umwelt- und Sozialstandards. Eine Harmonisierung der Standards würde zu mehr Transparenz und fairen Wettbewerbsbedingungen beitragen.

5b) Anpassung der Tierhaltungskennzeichnung (THK)

Die Tierhaltungskennzeichnung könnte regionale Futtermittel als Kriterium für höhere Haltungsformen berücksichtigen. Dies würde einen wichtigen Anreiz für den Einsatz heimischer Leguminosen in der Tierfütterung schaffen und gleichzeitig das Konzept der Stoffkreisläufe gegenüber langen Transportwegen (Stoffströmen) stärken. Eine solche Regelung könnte die Nachfrage nach regionalen Eiweißfuttermitteln erheblich steigern.

6a) Einheitlicher langfristiger Rahmen

Planungssicherheit ist für Landwirte und Verarbeitungsunternehmen essentiell. Ein einheitlicher, langfristiger und ausreichend hoher Rahmen für Förderung, Landesprogramme und die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) würde Investitionssicherheit schaffen und strategische Entscheidungen erleichtern. Widersprüchliche oder kurzfristig wechselnde Regelungen hemmen die Entwicklung der Leguminosen-Wertschöpfungskette.

6b) Stakeholder begeistern

Die Motivation aller Beteiligten der Wertschöpfungskette ist entscheidend für den Erfolg. Durch gezielten Wissenstransfer über die positiven Auswirkungen von Leguminosen auf Klimaschutz und Biodiversität können Akteure für das Thema begeistert und zum Handeln motiviert werden. Eine faktenbasierte Kommunikation der Vorteile ist dabei von zentraler Bedeutung.

6c) Bessere Verfügbarkeit

Die Verfügbarkeit von Leguminosen muss auf verschiedenen Ebenen verbessert werden. Eine breitere Erfassung der Produktion und der systematische Ausbau der Lieferketten für die Humanernährung sind dabei zentrale Hebel. Nur durch eine verlässliche Verfügbarkeit können stabile Marktbeziehungen aufgebaut werden.

6d) Ausbau der Forschung

Gezielte Forschung ist nötig, um die Potenziale von Leguminosen vollständig zu erschließen. Besonders die Verknüpfung von Pflanzenbau und Tierhaltung, nachhaltigem Futterbau und optimierten Nährstoffkreisläufen benötigt weitere wissenschaftliche Bearbeitung. Diese Forschung sollte praxisorientiert und anwendungsbezogen erfolgen.

7a) Mehr Beratung und Wissenstransfer

Ein intensiverer Wissenstransfer ist auf verschiedenen Ebenen notwendig. Dies umfasst bessere Vernetzung zwischen den Akteuren, verstärkte Offizialberatung, praxisnahe Veranstaltungen und neue digitale Plattformen. Durch einen kontinuierlichen Austausch können Erfahrungen geteilt und bestehende Hemmnisse abgebaut werden.

7b) Erarbeitung von Qualitätsstandards

Einheitliche Qualitätsstandards sind für die weitere Marktentwicklung unerlässlich. Diese sollten nicht nur klassische Qualitätsparameter, sondern auch spezifische Funktionalitäten der verschiedenen Leguminosen-Arten berücksichtigen. Klare Standards schaffen Vertrauen und erleichtern die Vermarktung.

7c) Verbesserung des Wissenstransfers Forschung und Praxis

Der Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis muss intensiviert werden. Reallabore können dabei als Brücke zwischen Wissenschaft und Landwirtschaft fungieren. Gleichzeitig müssen Ausbildungsinhalte kontinuierlich aktualisiert werden, um den neuesten Stand der Technik zu vermitteln.

Schlusswort

Die vorliegenden Anforderungen zeigen deutlich, dass die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit von Leguminosen ein komplexes Unterfangen ist, das alle Ebenen der Wertschöpfungskette umfasst. Vom Aufbau regionaler Vermarktungsstrukturen über die Weiterentwicklung des agronomischen Werkzeugkastens bis hin zur Schaffung fairer politischer Rahmenbedingungen und der Honorierung von Ökosystemleistungen – nur durch ein koordiniertes Vorgehen aller Akteure kann das Potenzial heimischer Leguminosen erschlossen werden. Die Priorisierung der Workshop-Teilnehmenden macht deutlich, dass strukturelle Maßnahmen vor technischen Lösungen stehen müssen. Jetzt gilt es, diesen Fahrplan konsequent weiter zu verfolgen und Leguminosen als Baustein einer nachhaltigen, klimaresilienten Landwirtschaft zu etablieren.

 


1Ackerland nach Hauptfruchtgruppen und Fruchtarten, DESTATIS 2024

2Versorgungsbilanzen Hülsenfrüchte, BLE 2025